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                  Titelbild Knabenchor singt © shutterstock – karavai
Kolumnen

Chorbruder

Eigentlich ist es kaum mehr der Rede wert, aber Tom Nädler hat mal
im Knabenchor Hannover gesungen. Vor fast 50 Jahren. 

Sie hat wahrscheinlich jeder im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis: Tennismütter, Fußballväter, Klaviergroßmütter oder Gartengroßväter. Unterwegs mit einer klaren Mission: ein Kind zur nächsten Serena Williams oder zum kommenden Igor Levit zu pushen – gut gemeintes Engagement, das meist von den eigenen erfolglosen Bemühungen, eine Karriere in diesem Bereich hinzulegen, ablenken soll. Mein Vater war ein Chorvater. Und so wurde ich zum Chorbruder.

Tanja und ich haben bei Theo keinerlei Ambitionen dieser Art. Macht auch wenig Sinn, denn Theo wusste schon immer ganz genau, was er will, und ebenso ganz genau, was eben nicht. Wenn ich die freie Auswahl hätte, dann wäre ich gern ein Jazzvater. Denn die erste CD, die ich Theo noch als Baby kaufte, war „Hits for Kids – Jazz Lullaby“, die ich ihm zum Einschlafen immer in seinen CD-Spieler schob. Das schult das Gehör, dachte ich; der Rhythmus und die Harmonien, die müssen sich ja irgendwie unterbewusst festsetzen. Kann ich bis heute leider nicht bestätigen. Tanja hat es mit Sport im Allgemeinen und Hockey im Speziellen versucht, weil sie dachte, ein cooler Mannschaftssport, das wäre doch das Beste für das Kind. Leider ordnet sich Theo weder gern ein noch unter, sodass schon das Training mit klaren Ansagen des Trainers relativ schnell zu einer ziemlichen Null-Bock-mehr-Stimmung führte. Man kann es halt nicht alles erzwingen. 

Tom Nädler schreibt an dieser Stelle regelmäßig über den täglichen Wahnsinn – zu Hause, im Job und unterwegs. ©LOOK//one

Ach ja … also: der Knabenchor Hannover und ich. Mein Vater, ein begeisterter Sänger mit einer Kurzzeitkarriere im Chor der Staatsoper, überzeugte mich nach längerem Zureden so um 1976, dort vorzusingen. Ich wurde sogar aufgenommen und ging von nun an regelmäßig zu den Proben. Und war ziemlich schnell von dem Niveau, auf dem man dort „performte“, überfordert. Dachte ich beim Singen im Chor eher an volkstümliche Klassiker, gab es da nur Bach und Händel. Mit dem Ziel, die Sängerknaben in Konzerthäuser, auf Tourneen oder ins Aufnahmestudio zu schicken. Da ich schon
beim Singen vom Notenblatt gnadenlos scheiterte, war meine Zeit im Knabenchor Hannover mit Beginn des Stimmbruchs dann naturgemäß beendet. Diese Karriere ging somit den … äh … Bach runter. Halleluja!

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