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Reportagen

Feste der Kulturen

Wie feiern eigentlich andere Religionsgemeinschaften und Kulturen Weihnachten und Silvester? Wir beleuchten Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Warmer Kerzenschein, der Duft von gebackenem Lebkuchen und viele Geschenke unter dem Tannenbaum: Das ist hierzulande typisch für Weihnachten. Auch Silvester wird zum kulinarischen Fest mit anschließendem Feuerwerk. Aber wie feiern eigentlich andere Religionsgemeinschaften und Kulturen diese Feste? Wir beleuchten Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Unter einem Dach 

In Hannover gibt es ein bundesweit einzigartiges Projekt:
Das „Haus der Religionen – Zentrum für interkulturelle und interreligiöse Bildung“ in der Südstadt. Sören Rekel-Bludau ist hier Kurator der kostenfreien Dauerausstellung „Erlebniswelt der Religionen“: „Christen, Juden, Muslime, Hindus, Buddhisten, Bahai, Aleviten, Eziden und Humanisten präsentieren hier ihre Weltanschauungen“, erklärt der 34-jährige Religionswissenschaftler. „Weihnachten ist ein christliches Fest. In vielen Religionsgemeinschaften gibt es aber vergleichbare Feste, vor allem der Jahreswechsel wird unabhängig von Herkunft und Glauben weltweit gefeiert.“ Dabei fallen die Feste wegen anderer Kalender auf ein anderes Datum. Der gemeinsame Nenner sei, dass es in vielen Religionen eine Art Lichterfest gebe.

Chanukka und Rosch Haschana im Judentum
Jüdische Familien etwa feiern im Dezember acht Tage lang das Lichterfest „Chanukka“. Es soll an die Einweihung des zweiten Tempels in Jerusalem im Jahre 164 v. Chr. erinnern. Familie und Freunde versammeln sich, um jeden Tag eine Kerze des acht- armigen Leuchters Chanukia anzuzünden, gemeinsam zu beten, traditionelle Speisen wie „Latkes“ (Kartoffelpuffer) zu genießen und Spiele zu spielen, zum Beispiel mit dem Dreidel – einem kleiner Kreisel, mit dem Kinder um Süßigkeiten, Nüsse oder Münzen spielen. Erst im September zelebrieren Juden das Neu- jahr „Rosch Haschana“ (Kopf des Jahres). Es ist Teil der zehntägigen Einkehr, die mit dem wichtigsten jüdischen Feiertag, „Jom Kippur“, endet. Man wünscht sich ein „süßes Jahr“, symbolisiert durch in Honig getauchte Äpfel. Zudem wird auf einem Widderhorn, der Schofar, geblasen, um die Menschen an ihre moralischen Pflichten zu erinnern.


„HANNOVER IST VIELFÄLTIG. DASS MENSCHEN UNTERSCHIEDLICH SIND, IST EINE BEREICHERUNG UND KEINE GEFAHR FÜR UNSERE GESELLSCHAFT. DESHALB HABEN WIR HIER EIN ZENTRUM DER BEGEGNUNG ERMÖGLICHT.“
Sören Rekel-Bludau, Kurator im Haus der Religionen.

Id-ul Fitr und Muharram im Islam
Weihnachten hat im Islam keine Bedeutung, aber auch in der Türkei gibt es den Nikolaus „Noel Baba“, der den Kindern am 6. Dezember Geschenke bringt. Ein zentrales Fest im Islam ist das dreitägige Zuckerfest „Id-ul Fitr“ zum Abschluss des Fastenmonats Ramadan im Frühjahr. Wie bei uns an Weihnachten ist es üblich, sich selbst und das Zuhause herauszuputzen, Zeit mit der Familie zu verbringen, Kinder zu beschenken und gemeinsam zu speisen, etwa „Baklava“ – in Zuckersirup eingelegter Blätterteig mit Nüssen. Das islamische Neujahr gilt als Gedenktag Mohammeds und fällt deshalb, anders als Silvester bei uns, besinnlich aus. Das Neujahrs-Datum „Muharram“ ändert sich von Jahr zu Jahr, denn der islamische Kalender richtet sich nach dem Mond. 2024 wird es im Juli stattfinden.

Vesakh und Losar im Buddhismus
Unser Weihnachten ähnelt dem wichtigsten buddhistischen Fest „Vesakh“. In den asiatischen Ländern wird es im Frühjahr anlässlich der Geburt, der Erleuchtung und des Todes Buddhas gefeiert, das Datum variiert je nach Kalender. Das Fest symbolisiert das Licht in der Dunkelheit. Buddhisten meditieren in ihren Tempeln, Mönche rezitieren die Worte Buddhas, sie werden reichlich mit Opfergaben bedacht. In Südostasien werden Buddha-Statuen, geschmückt mit Blumen und Lichterketten, durch die Straßen gefahren. Mit „Losar“ begrüßen Buddhisten in Tibet, Nepal und Buthan das neue Jahr zum Frühlingsanfang. „Lo“ heißt Jahr und „Sar“ neu. Auch hier variiert das Datum je nach Mondzyklus. Am Vorabend von Losar wird die Nudelsuppe „Guthuk“ gegessen, um jegliche Negativität des alten Jahres zu vertreiben und Platz für ein glückverheißendes neues Jahr zu machen.

Gefeiert wird auch in Vietnam an „Tet Nguyen Dan“ an drei Tagen. Die Häuser werden geschmückt und es wird Zeit mit der Familie und im Kloster verbracht, wo prächtige Zeremonien stattfinden und zahlreiche Gebete gesprochen werden. Der dritte Tag gilt den weltlichen Freuden: mit Volkstänzen, sportlichen Wettkämpfen und gutem Essen. In Thailand läutet das lebhafte Fest „Sonkran“ das neue Jahr ein. Eine Tradition ist das Bespritzen mit Wasser, was das Reinigen und Erfrischen zum neuen Jahr symbolisiert und Glück verheißt.

Happy Diwali im Hinduismus
Hindus feiern im November fünf Tage lang „Diwali“, was übersetzt „die Reihen der erleuchteten Lampen“ bedeutet und ein bisschen wie Weihnachten und Neujahr in einem ist. Den Höhepunkt stellt der dritte Tag mit dem Lichterfest dar. Das genaue Datum ändert sich von Jahr zu Jahr, weil es auch hier wieder nach der Position des Mondes errechnet wird. Während der Feiertage reinigen die Familien ihre Häuser. Hunderte kleine Öllämpchen werden entzündet und das krachende Feuerwerk soll böse Dämonen vertreiben. Als Festmahl wird „Halva“, eine Art Pudding aus Gemüse und Nüssen, gereicht. Weil es viele Christen und Muslime in Indien gibt, gelten einige ihrer Feiertage auch hier landesweit als gesetzlich anerkannt, etwa Weihnachten und Karfreitag oder Id-ul Fitr und Muharram.

Wie feiern unsere Nachbarn?

Andere Länder, andere Sitten
Jedes Land hat seine eigenen einzigartigen Traditionen, die die Feiertage zu einer besonderen Zeit machen – allen gemeinsam ist in Europa zum Beispiel, dass Boten den Kindern ihre Weihnachtsgeschenke bringen. In Belgien und den Niederlanden etwa ist bereits am 6. Dezember, zum Nikolaustag, Bescherung. Der „Sinterklaas“, Sankt Nikolaus, verteilt gemeinsam mit seinem Gehilfen, dem „Zwarte Piet“, dem Schwarzen Peter, die Geschenke. „Julfest“ nennen die Schweden ihr Weihnachtsfest am 24. Dezember. In Schweden und Dänemark wird zu Weihnachten übrigens gern Donald Duck geschaut. In Finnland findet der Startpunkt für das Weihnachtsfest am 24. Dezember in der Sauna statt. Nach dem Essen versammelt man sich um den Weihnachtsbaum und packt die Geschenke aus, die der Weihnachtsmann „Joulupukki“ gebracht hat. Island hat ganze 13 Weihnachtsmänner – und das sind Trolle. Alle stammen von der Trollfrau Grýla und ihrem faulen Ehemann Leppalúði ab. Sie purzeln ab dem 12. Dezember in die Häuser und bringen die Geschenke. In Griechenland ziehen am 24. Dezember Kinder von Haus zu Haus und singen traditionelle Weihnachtslieder, die „Kalanda“. Für die Bescherung müssen sie aber bis zum 1. Januar warten. Dann kommt der heilige „Vassilios“ durch den Kamin und bringt die Geschenke. Im Neujahrskuchen „Vassilopa“ ist eine Münze versteckt. Wer sie findet, hat das ganze Jahr über Glück. Ähnlich ist es übrigens an „New Year's Eve“, wenn in Großbritannien und Irland im Plumpudding eine Münze oder ein Ring versteckt wird.

Zur „Noche Buena“ (Heiligabend) trifft sich auch in Spanien die ganze Familie zu einem festlichen Abendessen. Die Geschenke gibt es aber erst am 6. Januar – von den Heiligen Drei Königen. An Neujahr wird bei jedem der 12 Glockenschläge bis 24 Uhr eine Weintraube gegessen. In vielen Teilen Italiens bringt „Befana“ die Geschenke am Hochfest der Heiligen Drei Könige am 6. Januar. Befana ist eine Hexe, die der Legende nach in der Nacht auf den 6. Januar auf der Suche nach dem Jesuskind mit einem Besen von Haus zu Haus fliegt.

In Polen beginnt das Weihnachtsessen „Wigilia“ am 24. Dezember, sobald der erste Stern am Himmel erscheint. Viele Familien legen ein zusätzliches Gedeck auf, falls ein unerwarteter Gast zu Besuch kommt. In der Ukraine wird Weihnachten nach dem Julianischen Kalender am 25. Dezember gefeiert, der nach unserem gregorianischen Kalender aber erst am 7. Januar ist. Eine besondere Deko ist typisch: Unechte Spinnen oder Spinnennetze am Weihnachtsbaum sollen Glück bringen. Eine alte Legende besagt, dass eine arme alte Frau kein Geld hatte, ihren Weihnachtsbaum zu schmücken. Am nächsten Tag hatte eine Spinne den Baum mit einem glitzernden Netz bedeckt. Hier, wie in Russland, bringt „Väterchen Frost“ zusammen mit seiner Enkelin Schneeflocke die Geschenke.

Gemeinsamkeiten feiern Diese Gepflogenheiten sind nur ein kleiner Einblick in die vielfältigen Weihnachts- und Neujahrsbräuche. „In der Weltgeschichte ist die Vermischung der Kulturen der Normalfall. Es gab immer Dinge, die eine Kultur von einer anderen übernommen hat“, so Sören Rekel-Bludau. „Der Idealzustand ist, zu erkennen, dass wir Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede haben und dass wir uns trotzdem respektvoll verhalten.“ Die Vision des Religionswissenschaftlers ist, dass wir uns gegenseitig bereichern, voneinander lernen und uns gemeinsam dafür einsetzen, die Welt zu einem besseren Ort für alle zu machen – und dass eben kein Konflikt so schwer wiegt, dass er nicht irgendwann überwunden werden kann. „Wir müssen einen Weg finden, gemeinsam auf dieser blauen Kugel zu leben, und das kann nur eine gemeinsame Gestaltung sein, nicht eine, die uns weiter auseinandertreibt.“


Come together

Menschen mit unterschiedlichen kulturellen und religiösen Wurzeln prägen unsere Gesellschaft. Wir leben im gleichen Stadtteil und manchmal unter einem Dach. Für ein gegenseitiges Verständnis ist es umso wichtiger, etwas über andere Kulturen zu erfahren. Ein friedliches Zusammenleben, nicht nur an den Feiertagen, ist machbar. Hier ein paar Anregungen:

Respekt und Toleranz
Die Basis für ein friedliches Miteinander ist das Annehmen und Respektieren von Andersartigkeit und unterschiedlichen Lebensweisen.

Bildung und Dialog
Sich über andere Kulturen und Religionen zu informieren, kann dazu beitragen, Vorurteile abzubauen. Eine offene Kommunikation kann Missverständnisse verringern.

Interkultureller Austausch
Stadtteilfeste zu feiern, bei denen die Kulturen ihre Traditionen präsentieren, stärken die Verbundenheit der Nachbarschaft. Das Zusammenarbeiten mit einem Ziel, etwa in gemeinnützigen Projekten in Bildungs-, Kultur- und Stadtteilzentren, lässt das Gemeinschaftsgefühl wachsen.

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