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                  Ronja neben Sponge Bob auf dem Faust-Gelände © Nick Neufeld
Reportagen

Die Kulturentdeckerin

Was als spontane Idee auf einer Zugfahrt begann, ist heute eine der erfolgreichsten digitalen Kulturplattformen Hannovers. 

Mit „Was Geht“ bringt Gründerin Ronja Nickel Menschen zusammen, macht kleine Veranstaltungen sichtbar und zeigt, warum Hannover jede Menge kulturelle Vielfalt zu bieten hat. Ein Besuch bei einer Frau, die ihre Stadt mit offenen Augen entdeckt.

„Zuhause ist ein Gefühl“

Ronjas kreative Ader zeigt sich auch in der Wohnungseinrichtung. ©Nick Neufeld

Wir treffen Ronja in ihrer Altbauwohnung in Linden. Hier wohnt sie mit ihrem Freund, den sie bald auf der griechischen Insel Naxos heiraten wird, verrät sie uns. Hohe Decken, viel Tageslicht, Pflanzen auf den Fensterbänken. Es duftet nach Kaffee mit veganer Hafermilch. Die Wohnung wirkt freundlich und einladend. In der Küche hängt ein alter, angesprühter Gartenrechen an der Wand. Statt Erde trägt er Tassen und Topflappen. Das Regal? Selbst gebaut. Der Wohnzimmertisch ebenfalls. „Meine Wohnung ist eigentlich wie ein Puzzle. Fast alles hier hat seine eigene Geschichte“, erklärt Ronja. „Natürlich mag ich schönes Design.“ Schließlich habe sie Innenarchitektur studiert. „Aber viel wichtiger ist mir, dass Dinge Persönlichkeit haben.“

Eine Abkühlung beim Farrland-Kiosk in Linden-Nord. ©Nick Neufeld

Geboren und größtenteils aufgewachsen ist die Gründerin von „Was Geht“ in Linden. Bis heute gehört der Stadtteil zu ihren Lieblingsorten, „weil er so bunt und fröhlich“ ist. „Ein Zuhause ist für mich mehr als eine Wohnung“, findet sie. „Es sind die Menschen, die Nachbarschaft und das Gefühl, dass man sich kennt.“ Was einen Stadtteil lebenswert macht? „Die kleinen Treffpunkte. Der Kiosk um die Ecke. Das Café, in dem man Bekannte trifft. Orte, an denen Menschen spontan miteinander ins Gespräch kommen.“

„Ein Zuhause ist für mich mehr als eine Wohnung: Es sind die Menschen, die Nachbarschaft und das Gefühl, dass man sich kennt.“

Auf der Suche nach den kleinen Perlen

Vinyl-Schallplatten sind Ronjas Leidenschaft. ©Nick Neufeld

Ronja interessiert sich weniger für das Offensichtliche.  Sie sucht nicht das größte Event oder den spektakulärsten Veranstaltungsort. Sie interessiert sich für die „kleinen Perlen“ und die Menschen dahinter. „Eine Stadt wird doch erst durch ihre Geschichten lebenswert. Wer steckt hinter diesem Laden? Hinter dieser Aktion? Hinter dieser Idee?“ – „Meine Intention und Motivation, warum ich die Seite ‚Was Geht‘ und die dazugehörige App ins Leben gerufen habe, ist, dass ich es nicht verstehe, dass Hannover als langweilig betitelt wird. Wir haben hier so viel Kultur, so viele Events, so viele Geschichten. Ich glaube, die sind einfach sehr verstreut, und das muss alles gebündelt werden, damit die Leute es auch wirklich entdecken.“

Nach der Schule absolviert Ronja zunächst eine Ausbildung bei einem Musiklabel in Hannover. Das hat zwar international bekannte Bands wie Iron Maiden unter Vertrag, dort erlebt sie aber auch, wie viele talentierte Künstler kaum Publikum finden. Nicht weil ihre Musik schlecht wäre, sondern weil schlicht niemand von den Konzerten erfährt. „Da habe ich gemerkt, dass viele Künstler gar nicht die Bühne bekommen, die sie eigentlich verdient hätten.“ Die entscheidende Idee kommt dann auf einer Zugfahrt mit Freunden. Eine aktuelle Plattform, auf der all die kleinen Veranstaltungen gesammelt werden, die man sonst nur zufällig entdeckt – das wäre etwas: „Wir haben damals eher herumgesponnen.“

Ronjas Original Disco-Roller. ©Nick Neufeld

Ronja beginnt 2022, Veranstaltungstipps auf der Social- Media-Plattform Instagram zu veröffentlichen. Kostenlos. Ohne Businessplan. Einfach ausprobieren. Der Erfolg kommt schneller als erwartet. Dass sie einmal von dieser Idee leben würde, hätte die 31-Jährige nie erwartet. Als sie den Instagram-Kanal startet, möchte sie eigentlich nur zeigen, wie viel in ihrer Heimatstadt los ist – jenseits der bekannten Festivals und großen Bühnen. Die Resonanz ist überwältigend. Immer mehr Menschen folgen ihren Tipps, Veranstalter werden auf sie aufmerksam, und beim hannoverschen Gründungswettbewerb „Startup-Impuls“ wird sie mit dem Marketing-Sonderpreis der Hannover Marketing & Tourismus GmbH ausgezeichnet. Das Preisgeld, neue Kontakte und ein Investor ermöglichen schließlich den nächsten Schritt: die Entwicklung einer eigenen App. Heute zählt allein der Instagram-Kanal mehr als 87.000 Follower.

Von Locals für Locals

Ronja Nickel arbeitet meist am Schreibtisch, in einem kleinen Büro bei ihr um die Ecke. ©Nick Neufeld

Was Ende 2022 mit dem Instagram-Kanal begann, hat sich innerhalb weniger Jahre zu einer der wichtigsten digitalen Kulturplattformen der Region entwickelt. Mittlerweile finden Interessierte auf der Website und in der App Tausende Veranstaltungen in Hannover und Umgebung. Veranstalter können ihre Termine im Kalender kostenlos selbst einstellen, Nutzer gezielt nach Interessen filtern – vom Familienfest bis zum Techno-Rave, vom Kinderprogramm bis zur Kunstausstellung. Das Angebot reicht von Kultur und Musik über Familienveranstaltungen bis zu Sport und Märkten. Durch die Kooperation mit der Marke „Kulturstadt Hannover“ wird die App von der Stadtverwaltung aktiv unterstützt und zur offiziellen Kulturvermittlung eingesetzt. Finanziert wird die Plattform vor allem durch diese und andere passende Kooperationen auf Instagram sowie durch kostenpflichtig hervorgehobene Veranstaltungen und eigene Bereiche für Partner in der App. „Es soll immer etwas für alle dabei sein“, sagt die Unternehmerin. „Gerade die kostenlosen Angebote liegen mir am Herzen.“ Ronja und ihre zwei Angestellten – eine Minijobberin und eine Teilzeitkraft – recherchieren, kuratieren und ergänzen das Angebot mit Reportagen, Videos („Reels“) und persönlichen Empfehlungen. So wird aus einem Veranstaltungskalender ein Stück Stadtleben.

Nicht nur Likes und Klickzahlen

Wer glaubt, die Influencerin verbringe ihre Tage vor allem auf Veranstaltungen, liegt allerdings daneben. Die meiste Zeit sitzt sie am Schreibtisch. Im kleinen Büro bei ihr um die Ecke laufen die Fäden zusammen. Sie und ihr Team sorgen dafür, dass aus den vielen Terminen, Ideen und Videos Woche für Woche eine Plattform entsteht, die Tausende Menschen nutzen. Im Büro werden Veranstaltungen geprüft, Beiträge geplant, Videos geschnitten, Kooperationsanfragen beantwortet und Inhalte für die App vorbereitet. Hinter einem Reel, das auf Instagram kaum länger als eine Minute dauert, stecken oft viele Stunden Arbeit – von der ersten Recherche über den Dreh bis zum fertigen Schnitt. „Viele denken, das entsteht mal eben zwischendurch“, sagt Ronja und lacht. „Dabei sitzt man manchmal schon eine Stunde nur da und sucht die passende lizenzfreie Musik.“ Dass ihre Arbeit häufig weit über den Feierabend hinausgeht, gehört längst dazu. „Richtigen Urlaub gab es bisher eigentlich nicht. Selbst auf meiner zweimonatigen Indienreise im Winter hatte ich den Laptop dabei.“ Zum Erfolg trägt für Ronja auch der Ton der Plattform bei: humorvoll, direkt und bewusst frech. Gerade in Zeiten kultureller Kürzungen müsse Kultur laut und sichtbar bleiben, schließlich sei sie etwas, das Menschen trotz aller Unterschiede zusammenhalte.

Kultur kennt kein Alter

Ronja spaziert auf dem Faust-Gelände

In Zukunft möchte Ronja die App noch mehrsprachiger gestalten und Veranstalter für das Thema „Barrierefreiheit“ sensibilisieren: „Kultur sollte für alle zugänglich sein“, sagt sie. Dass Kultur Menschen verbindet, erlebt sie immer wieder. Ihr persönliches Lieblingsevent in diesem Jahr? Das „Was Geht“-Community-Picknick im Von-Alten-Garten in Linden. Vor der Bühne tanzten Jugendliche zu elektronischer Musik. Familien, Studenten, Kinder, Senioren und Menschen mit Behinderung feierten mit. „Da habe ich fast geweint“, erzählt die Influencerin. „In diesem Moment war völlig egal, wie alt jemand war oder woher er kam. Alle hatten einfach gemeinsam Spaß.“

Ronja beobachtet mit Interesse, wie sich Hannover verändert. Sie freut sich über neue Kulturorte, über Initiativen in den Stadtteilen und über kreative Zwischennutzungen leer stehender Gebäude. Mehr Räume für Begegnungen – das wünscht sie sich vor allem für die Innenstadt. Kultur und Handel könnten sich gegenseitig stärken, ist sie überzeugt.

Immer auf der Suche

Wahrscheinlich wartet irgendwo in Hannover schon die nächste kleine Perle darauf, entdeckt zu werden. Vielleicht ist genau das das Erfolgsgeheimnis von „Was Geht“. Die Plattform beantwortet nicht nur die Frage, was heute in Hannover los ist. Sie macht neugierig auf die Menschen dahinter. Auf die Ideen. Auf die Orte. Und auf all das, was eine Stadt erst lebenswert macht. 

Was Geht?

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