Mit Knaben- und Mädchenchor beheimatet Hannover zwei international renommierte Chöre. Beide vermitteln weit mehr als Musik. Während sie Tradition bewahren und Zukunft gestalten, entdecken sie Gemeinschaft, Haltung und neue kulturelle Räume.
Ein erster Ton. Dann noch einer. Glockenklare Kinderstimmen, die sich vorantasten, einander finden, halten. Der Raum der ehemaligen Heilig-Geist-Kirche in Vahrenwald ist kein fertiger Ort. Der Teppich abgenutzt, die Kabel verstreut, das Licht zu schwach für das, was hier entstehen soll. Doch mitten in diesem Provisorium geschieht etwas, das sich nicht provisorisch anfühlt. Die Kinderstimmen tragen.
Jörg Breiding, Leiter des Knabenchors Hannover, steht einige Meter entfernt und beobachtet die Arbeit seines Kollegen. „Es gibt Momente als Dirigent, in denen man merkt, dass alles funktioniert, was wir geprobt haben. In denen wir selbst nicht mehr technisch agieren, sondern loslassen können. Danach ist man sehr beseelt.“
Über 50 Jahre vom Gründer geprägt
Der Knabenchor Hannover gehört seit Jahrzehnten zu den renommiertesten Ensembles seiner Art. Gegründet wurde er 1950 von Heinz Hennig und ist eine Institution im Stadtbild, die Erwartungen und Verantwortungen mit sich bringt. Verantwortung, die auch Chorleiter Jörg Breiding mittlerweile fast ein Vierteljahrhundert trägt: „Wenn ich über den Knabenchor berichte, merke ich, dass ich ihm immer noch mit einer großen Ehrfurcht gegenüberstehe“, sagt Breiding. Er habe sowohl Achtung vor der Chorgeschichte als auch vor der Aufgabe, sie weiterzuführen. Denn Stillstand ist hier keine Option. „Dieser Chor ist immer im Wandel, weil wir uns ja ständig erneuern.“ Stimmen verändern sich, Kinder kommen, Jugendliche gehen. Was bleibt, ist die Idee. Zwischen Tradition und Gegenwart sucht der Chor seine Form. „Wie wollen wir uns heute präsentieren? Was sind Traditionen, die wir pflegen sollten?“ Für Breiding ist die Antwort klar: Neben der klassischen Chormusik gehören für ihn auf jeden Fall die Volkslieder dazu, auch wenn sie heute weniger selbstverständlich sind. Es ist kein nostalgischer Blick zurück, sondern ein bewusstes Festhalten an etwas, das trägt. Dass dieser Chor nun eine neue Heimat hat, verändert vieles.
Zwei Jahre ist es her, dass der Chor den ehemaligen Kirchenbau gekauft hat und vom Hinterhof einer Grundschule im Stadtteil Südstadt nach Vahrenwald gezogen ist. „Wir kümmern uns darum, dass das ein Kulturort wird. Das ist mit viel Arbeit verbunden, aber es wird einen neuen Schritt in die nächste Zeit bewirken.“ Man sieht, was er meint. Und hört es. Während der Probe verschwindet das Unfertige für einen Moment. Die hellen Sopranstimmen legen sich über den Raum wie eine zweite Schicht. Sie füllen die Risse, die Übergänge, die Leerstellen.
Christuskirche mit idealen Bedingungen
Zwischen den Proberäumen des Knabenchors und denen des Mädchenchors in der Nordstädter Christuskirche liegen nur wenige Kilometer. „Es ist selten, dass es beides, Mädchen- und Knabenchor, in dieser Qualität in einer Stadt gibt“, schwärmt Andreas Felber, Leiter des Mädchenchors Hannover. „Die Mädchen sind sehr daran interessiert, unterschiedlichste Musik zu machen“, spricht er über das breite Repertoire des Chors. „Diese Unterschiede in einem Konzert mit vielen verschiedenen Stilrichtungen abzubilden, erfordert viel. Sich schnell umstellen zu können, heißt auch, seine Stimme wirklich zu beherrschen.“
Nicht ohne Stolz zeigt der gebürtige Schweizer die Infrastruktur des Mädchenchors in der modernisierten Christuskirche. Akustikwände und -segel etwa sorgen für ein optimales Klangbild und im separaten Gudrun-Schröfel-Saal innerhalb des Gotteshauses bieten sich perfekte Probe- und Veranstaltungsbedingungen. Benannt ist der Saal nach der langjährigen Leiterin Gudrun Schröfel, deren Position Felber seit 2019 innehat. Unter der Ägide Schröfels, heutige Ehrenchorleiterin, entwickelte sich der Mädchenchor zu einem der weltbesten Jugendchöre. „Diese Tradition eines der ältesten Mädchenchöre Deutschlands möchten wir auf jeden Fall fortführen“, blickt Felber schon jetzt auf das 75-jährige Jubiläum im Jahr 2027.
Chor prägt auch den Charakter
Der Knabenchor hat den 75. Geburtstag bereits 2025 gefeiert. „Die meisten Jungen kommen nicht, weil sie schon ganz viel können, sondern weil sie Lust haben, zu singen“, erklärt Chorleiter Breiding. Was dann folgt, ist mehr als eine musikalische Ausbildung. Breiding spricht über Disziplin, Teamfähigkeit und Geduld. In einer Zeit, in der Aufmerksamkeit oft fragmentiert ist, bekommt das eine neue Bedeutung. „Das Handy mal eine Dreiviertelstunde weglegen und sich wirklich konzentrieren, das ist für viele schon eine Herausforderung.“ Hier wird das geübt. Immer wieder. Musikalisch sucht der Chor nicht nur Bewährtes.
Ein Schwerpunkt liegt auf der Wiederentdeckung alter Werke, etwa vom deutschen Komponisten Andreas Hammerschmidt aus dem 17. Jahrhundert. „Das waren Noten, die lagen verstaubt in Bibliotheken“, erinnert sich Breiding. Musik, die niemand mehr hörte. Bis sie hier wieder zum Klingen gebracht wurde. Eine Aufnahme wurde 2006 mit dem Echo Klassik ausgezeichnet – einer von vielen Meilensteinen in der Geschichte des Knabenchors.
Besonderheiten im Repertoire
Ein Echo Klassik reiht sich auch in die Trophäensammlung des Mädchenchors. Im Jahr 2010 erhielt dieser den Preis in der Kategorie Chor- und Ensemblemusik. Wichtiger als die Preise sind jedoch die musikalische und persönliche Entwicklung der Mädchen sowie das Repertoire des Chors. „Alle großen Chorwerke sind für gemischte Chöre“, erklärt Felber. Daher regte die langjährige Chorleiterin Gudrun Schröfel Komponisten an, Werke für gleichstimmige Chöre zu komponieren. Eine Arbeit, die heute weitergeführt wird und Früchte trägt. Mindestens eine Komposition gebe der Mädchenchor je-des Jahr in Auftrag, so Felber. „Wir haben die Chance, dieses Repertoire zu erweitern. Mit vielen Komponisten arbeiten wir zusammen und viele Werke wurden für uns geschrieben und später bekannt.“ So schuf etwa der estnische Komponist Arvo Pärt das A-cappella-Stück „Zwei Beter“ eigens für den Mädchenchor.
„Wir versuchen, unsere Konzerte so zu erweitern, dass wir auch mal mit dem Publikum und mitten im Publikum singen“, skizziert Felber seine Vision von einer persönlicheren Wahrnehmung des Chors durch die Zuschauer und macht klar: „Den Sängerinnen tut das gut, es stärkt das Selbstbewusstsein. Sie lernen, auch mal allein in einem riesigen Konzerthaus zu singen. Das hat auch auf ein späteres Berufsleben positive Auswirkungen.“
Internationaler Austausch mit Gänsehautmomenten
Was den Chor prägt, sind nicht nur Proben und Konzerte, sondern auch das, was dazwischen passiert. Beim Knabenchor Hannover wird sechs Tage die Woche gearbeitet. Und dann gibt es die anderen Momente: Singfreizeiten, Reisen zum Beispiel. „Wer kann schon sagen, dass er mit zehn Jahren ohne Eltern nach Australien gereist ist?“, hebt der Chorleiter stolz hervor.
Die Welt kommt näher. Und wird gleichzeitig größer. Internationale Begegnungen gehören dazu. Es ist ein Austausch, der prägt und bleibt. Noch Jahre später kommt Breiding ins Schwärmen, wenn er von der Aufführung von Händels „Messias“ mit dem Knabenchor in Belgrad berichtet oder von den Arrangements zweier Stücke aus dem Buena Vista Social Club auf der Reise nach Kuba.
So viele Gänsehautmomente. Und doch steht der Chor an einem Punkt, an dem mehr nötig ist als musikalische Qualität. Der neue Ort verlangt Investitionen: Akustik, Beleuchtung, sanitäre Anlagen – vieles ist unzureichend. „Wir benötigen Unterstützer“, sagt Breiding. „Hannover hat zwei tolle Chöre, da müsste eigentlich noch mehr passieren.“ Denn die Vision des Knabenchors ist größer als das Gebäude. Ein Campus soll als Spielort sichtbarer Teil des kulturellen Stadtbilds sein. Ein Ort für Proben, für kleine Konzerte, für Begegnung.
Als die Probe des Knabenchors endet, bleibt der Raum noch einen Moment erfüllt vom Klang. Dann lösen sich die Stimmen auf. Schritte, Stimmen, Bewegung. Jacken werden geholt, Taschen gepackt. Der Alltag kehrt zurück. Die Kirche wirkt wieder, wie sie ist: unfertig, im Umbau, ein Ort mit Baustellen. Und doch hat sich etwas verschoben. Vielleicht ist es genau das, was diesen Chor ausmacht: dass er in Übergängen existiert. Zwischen Kindheit und Erwachsensein. Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Zwischen dem, was ist, und dem, was werden kann. „Dieser Chor ist immer im Wandel“, hat Breiding gesagt. Hier, in diesem Raum, wird sichtbar, was das bedeutet. Nicht als fertiger Zustand, sondern als Prozess. Ein Eindruck, der bleibt, wie ein Klang, auch wenn er längst verklungen ist.
Programm
Knabenchor
1950 gegründet, stehen besonders Kompositionen des 17. und 18. Jahrhunderts, insbesondere Werke Bachs, im Zentrum der Arbeit. Der Knabenchor Hannover umfasst mehr als 200 Mitglieder. Hier gehts Programm des Knabenchors.
Mädchenchor
Der Mädchenchor Hannover wurde 1952 gegründet und verfügt über ein breites Repertoire musikalischer Werke von der Renaissance bis in die Gegenwart. Die rund 200 Mitglieder sind Mädchen und junge Frauen im Alter zwischen 7 und 20 Jahren. Hier gelangen sie zum Programm des Mädchenchors.