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Franziska Stünkel im Kino © Nick Neufeld
Reportagen

Raum für Koexistenz

Zwischen Schaufensterspiegelungen von Metropolen verschiedener Kontinente und Kinoleinwand, zwischen stiller Beobachtung und gesellschaftlicher Haltung bewegt sich das Werk von Franziska Stünkel.

In der Galerie Drees bereitet die Hannoveranerin derzeit ihre neue Ausstellung vor und spricht über Städte, Bilder und das, was Zusammenleben heute ausmacht. 

Galerist Robert Drees und Franziska Stünkel bei den Vorbereitungen der neuen Ausstellung. ©Nick Neufeld

Einige der neuen Bilder lehnen bereits an den Wänden in der Galerie Drees. Noch sind sie nicht gehängt, noch wird sortiert, geschoben, diskutiert. Franziska Stünkel steht neben Galerist Robert Drees, beugt sich vor, tritt zurück. Ein paar Schritte Abstand, dann wieder Nähe. „Das hier braucht Luft“, murmelt sie und meint damit nicht nur den Weißraum an der Wand. Es geht um Blickachsen, Symmetrie, Licht und um das, was zwischen den Bildern entsteht.

Vom 28. Mai bis 29. August 2026 wird Franziska Stünkel hier ihre neuen Arbeiten aus ihrem fotografischen Langzeitprojekt Coexist zeigen. Brandneue Aufnahmen von Schaufenstergläsern, in denen sich Fragmente urbanen Lebens spiegeln: aus Neapel, aus Mexiko-Stadt, aus anderen Metropolen der Welt.

Der Impuls für die Fotografie reicht weit zurück. Als Kind faszinierten sie die alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen ihres Großvaters, der viel reiste. Später sparte sie für eine eigene Kamera und richtete das einzige Badezimmer im Elternhaus als Dunkelkammer ein. Stundenlang entwickelte sie dort Bilder. „Zum Leidwesen meiner Eltern und Schwester“, erinnert sie sich lächelnd. 

All the stories …

Das Langzeitprojekt Coexist dokumentiert seit 2008 urbane Spiegelungen und Koexistenz im öffentlichen Raum. All the stories 175, ©Franziska Stünkel

Heute sind die Werke ihrer Serie Coexist mit All the stories von 1 bis 165 betitelt. Seit 2008 fotografiert die Künstlerin Spiegelungen auf Fensterglas, erstmals in Shanghai. „Ich war fasziniert“, erinnert sie sich. „Ich sah den Raum hinter der Scheibe, und gleichzeitig das, was hinter mir passierte und sich auf dem Glas spiegelte: Architektur, Menschen, unterschiedliche Szenerien.“ Diese Ebenen koexistieren miteinander, ohne sich zu dominieren. „Das ist fast surreal.“ Je nachdem, mit welcher Emotion oder Frage man ihre Bilder anschaut – immer lässt sich Neues darin entdecken. 

Asien, Afrika, Europa, Amerika, Australien: Für Coexist ist die Fotokünstlerin viel unterwegs. Bewusst allein, geht sie tage- und nächtelang mit ihrer kleinen Kamera, der Leica M, durch die Städte. „Ich suche kein bestimmtes Motiv. Ich bewege mich aufmerksam mit offenem Blick durch die Stadt. Es ist nicht einfach, fündig zu werden. Am Ende bringe ich vielleicht ein oder zwei Fotografien mit.“ Franziska Stünkel beobachtet, ohne zu bewerten. Ihre Arbeiten drängen sich nicht auf, sie laden ein, zum Hinsehen, zum Verweilen, zum Mitdenken. 

Motiv: All the stories 178, ©Franziska Stünkel

Dass Metropolen in ihren Arbeiten eine zentrale Rolle spielen, ist kein Zufall. Städte sind visuelle Verdichtungen. Orte, an denen Zusammenleben sichtbar wird, ohne inszeniert zu werden. „Die Stadt verrät viel über das Miteinander ihrer Bewohner, an Übergängen, an Fenstern, an öffentlichen Orten. Mich interessiert Authentizität.“ Ihre Fotografien sind nicht gestellt. Sie bearbeitet sie nicht digital nach. 

Was zunächst wie ein ästhetisches Prinzip wirkt, ist längst eine Haltung: „Gerade jetzt, wo es wieder mehr Kriege und den Schrei nach autoritären Lösungen gibt, ist das Thema Koexistenz wichtig“, sagt sie. „Alle Menschen haben im Kern ähnliche Bedürfnisse: nach Liebe, nach einem Zuhause, nach einem Umfeld, in dem sie sich frei fühlen können.“ Unterschiedliche Vorstellungen davon sollten gewaltfrei nebeneinander existieren können. Grundlage dafür seien die Menschenrechte. „Und wir sollten mehr miteinander reden, vor allem zuhören.“

Coexist Part 7 – Dialogue
Galerie Drees
Weidendamm 15_30167 Hannover
vom 28.05 bis zum 29.08.2026 

Über Lieblingsplätze, Filme und Sinn

Großes Kino: Nahschuss. Noch bis zum 3. Oktober 2026 in der ZDF- und 3sat-Mediathek verfügbar. ©Alamode

In ihrer Altbauwohnung in Hannovers Oststadt kann sie sich entspannen. Ihr Lieblingsplatz: der Küchentisch ihrer Urgroßeltern. „Er steht für gemeinsames Zusammenkommen in einer Welt, in der es wichtig ist, im Gespräch zu bleiben.“ Sie liebt Dinge, die bereits gelebt haben: eine alte Leselampe, ein Telefon aus DDR-Zeiten, historische Bilder. Altes koexistiert hier mit neuer Kunst und wenigen modernen Möbeln. „Hannover ist meine Heimatstadt. Es ist eine überraschende Stadt. Eine Stadt, in der man viel bewegen kann.“ Kulturell schätzt sie die Museen, die Konzertorte und natürlich die Kinos. Etwa einmal pro Woche geht sie ins Kino, gern ins Apollo in Linden, das zweitälteste Programmkino Deutschlands, das noch in Betrieb ist und baulich nahezu unverändert. Hier lief einst ihr erster Kurzfilm. Sie sitzt in einer der roten Reihen, schaut zur Leinwand. „Filme gehören ins Kino. Sounddesign, Licht, die Kameraarbeit … all diese Komponenten werden bewusst fürs Kino gestaltet. Auf der Leinwand entwickeln sie dann diese große emotionale und inhaltliche Wirkung. Kino hat die Kraft, uns zu verändern.“ Diese Erfahrung machte sie früh: Ein Wanderkino zeigte in Steinhude Miloš Formans Amadeus. „Ich war so überwältigt von der Musik, den Kostümen, der Inszenierung, dass ich ihn mir dreimal hintereinander angesehen habe.“ 

Heute sind ihre Präferenzen breit gefächert. Von Arthouse bis Blockbuster, mit einer Vorliebe für politisches Kino. „Ich mag Filme, die aufrütteln und zum Denken anregen.“ Auch Humor habe seinen Platz. 

„Gerade in ernsten Stoffen können gut gemachte komödiantische Momente viel öffnen.“ Bekannt wurde die Regisseurin mit ihrem Spielfilmdebüt Vineta, einer politischen Erzählung über die Psychologie der Arbeitssucht. Später folgte Nahschuss, ein stiller, eindringlicher Film über die letzte vollstreckte Todesstrafe der DDR, an dem sie zehn Jahre arbeitete. Ihre Filme liefen in über 19 Ländern auf mehr als 150 Festivals und wurden vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Best New Director Award in New York. Erfolg ist für sie kein Ziel, sondern Ergebnis. „Wichtig ist mir die Sinnhaftigkeit dessen, was ich tue.“ 

Raum für Reflexionen

Nikolai von Graevenitz und Franziska Stünkel beim Dreh zu ihrem Film Nahschuss. ©Alamode

Das erklärt auch ihr starkes Engagement in Ehrenämtern, die hier, wie ihre Preise, Auszeichnungen, Mitgliedschaften in Jurys und Kuratorien, weit mehr als eine Seite füllen würden. Ohne dieses, sagt sie, könne sie gar nicht leben. Etwa bei der humanitären Hilfsorganisation Be an Angel, den Hannah-Arendt-Tagen in Hannover und Demokratieinitiativen. Für ihr ehrenamtliches Engagement erhielt Franziska Stünkel 2025 den Stadtkulturpreis in Hannover. 

Ehrenämter, Reisen, Fotografien, Film: Bei alldem wirkt die 52-Jährige – selbst auf der Bühne vor großem Publikum – reflektiert, ruhig, zurückhaltend, fokussiert und mit einer bewundernswerten Rhetorik. Was sie antreibt? „Neugier. Und der Wunsch, Menschen dazu anzuregen, sich Fragen zu stellen.“ Ihre Filme sollen keine Antworten geben, sondern Impulse, auch, um das Gefühl zu stärken, im eigenen Umfeld etwas mitgestalten zu können. 

Und die Zukunft?

Franziska Stünkels Leica M, ©Nick Neufeld

Ein neuer Film fürs Kino. Das Drehbuch ist in Arbeit, mehr darf sie noch nicht sagen. Doch eins bleibt sicher im Fokus – das Kostbare, aber auch die komplexen Herausforderungen des menschlichen Miteinanders.

Zurück in der Galerie Drees ist inzwischen eine Entscheidung gefallen. Ein Bild wandert nach links, ein anderes bekommt mehr Raum. Franziska Stünkel nickt. Koexistenz ist eben nicht nur ein Zustand, sondern auch ein Prozess. An der Wand wie in der Welt. In einer Zeit, die nach schnellen Antworten verlangt, erinnert sie daran, dass gutes Zusammenleben dort beginnt, wo wir lernen, genauer hinzuschauen und hinzuhören.

Filmografie – Eine Auswahl

  • Wünsch Dir was (2001): Kurzfilm mit Katharina Schüttler, Patrick Güldenberg, Smudo. Premiere bei der „Next Generation“ auf den Filmfestspielen Cannes.
  • It’s a small world and things like this (2002): 23-minütiger Episodenfilm mit Sissi Perlinger, Fritzi Haberlandt und Peter Lohmeyer.
  • Vineta (2009): Kinospielfilm über einen arbeitssüchtigen Architekten mit Ulrich Matthes, Peter Lohmeyer, Susanne Wolff, Matthias Brandt, basierend
    auf Moritz Rinkes Theaterstück Republik Vineta.
  • Der Tag der Norddeutschen (2012): 18-stündiger TV-Dokumentarfilm, der das Leben von 121 Menschen an einem Tag zeigt.
  • Nahschuss (2021): Kinospielfilm mit Lars Eidinger, Luise Heyer und Devid Striesow über die letzte vollstreckte Todesstrafe in der DDR. 
  • Konzertfilme und Musikclips, u. a. für die Bands Fury in the Slaughterhouse und Selig.

Franziska Stünkel

1973 geboren und am Steinhuder Meer aufgewachsen, ist Filmregisseurin, Drehbuchautorin und Fotokünstlerin. Sie studierte an der Kunsthochschule Kassel und an der Fachhochschule Hannover im Fachbereich Bildende Kunst. Ihre Filme (u. a. Nahschuss mit Lars Eidinger) laufen weltweit in den Kinos. Ihre Fotografien werden international in Museen und Galerien gezeigt und sind in der Sammlung des Sprengel Museums vertreten. Ist sie nicht auf Reisen, lebt und arbeitet Franziska Stünkel in Hannover.

Instagram: @franziskastuenkel
Website: franziskastuenkel.de

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