Zwischen Regalen voller Geschichten
Hannovers kleine, inhabergeführte und preisgekrönte Buchhandlungen bereichern das kulturelle Leben. Sie sind Treffpunkte, Kulturorte und Schatzkammern für Lesefans. Ob in Buchholz, der List, Nord- und Südstadt, in Linden oder mitten in der City: Jede dieser Buchhandlungen hat ihren ganz eigenen Charme. Wer hier einkauft, stärkt die Vielfalt im Buchmarkt, erhält Arbeitsplätze und belebt Stadtteile.
Die Sternschnuppe und der BookstoreCrawl
In der kleinen Buchhandlung „Sternschnuppe“ in Groß-Buchholz duftet es nach Holz und Papier. Die Regale sind bis zur Decke mit Büchern gefüllt, auf den Tischen liegen kunstvoll arrangierte Auslagen. Seit Jahren engagiert sich das Team für Leseförderung, arbeitet mit Schulen und Kitas zusammen, ist Partnerbuchhandlung des Literaturhauses Hannover und setzt auf unabhängige Verlage. „2024 haben wir zum ersten Mal in Deutschland den BookstoreCrawl Hannover initiiert – als Einladung, die Vielfalt der lokalen unabhängigen Buchhandlungen spielerisch zu entdecken“, sagt Mitarbeiterin und Ideengeberin Frederike Schuur. „Städte wie Hamburg, Frankfurt und Bremen haben die Idee inzwischen übernommen“, ergänzt Inhaber Konrad Baumer.
Mit dem BookstoreCrawl-Stöberpass können Besucher während der alljährlich im November stattfindenden Woche der unabhängigen Buchhandlungen auf Entdeckungstour gehen und sich in den teilnehmenden Buchhandlungen einen Stempel abholen, um an einer Verlosung teilzunehmen.
LESETIPPS
- T. C. Boyle: „No way home“
- K. Rohmann und J. Wellerdiek: „Der Geräuschehändler“ (Kinderbuch)
Die teilnehmenden Buchhandlungen des BookstoreCrawl
- Bücherwurm, List
- Buchhandlung Beeck, List
- Leuenhagen & Paris, List
- Buchhandlung an der Marktkirche, Mitte
- MaschaKascha, Nordstadt
- Lindener Buchhandlung, Linden
- Annabee, Linden
- Erich W. Hartmann, Südstadt
- Cruses Buchhandlung, Südstadt
- Sternschnuppe, Groß Buchholz
- Kleefelder Buchhandlung, Kleefeld
- Das Fenster zum Buch, Misburg
„Die Zahl der Buchhandlungen ist in Deutschland auf einen Tiefstand gefallen“ schreibt die HAZ am 15. Oktober 2025. Zwischen 2018 und 2023 sank die Zahl um 24 Prozent – auch in Hannover. Die Gründe: steigende Mieten, fehlende Nachfolger, verändertes Konsumverhalten. Und doch: Der Umsatz im Bucheinzelhandel stieg im gleichen Zeitraum um 9 Prozent. Gelesen wird also immer noch viel.
MaschaKascha – schöne Bücher in der Nordstadt
„Früher hat jede unabhängige Buchhandlung in Hannover ihr eigenes Süppchen gekocht. Durch den BookstoreCrawl tauschen wir uns jetzt aus“, sagt Maria Glusgold. Sie eröffnete 2011 unweit der Lutherkirche ihre Buchhandlung MaschaKascha mit handverlesenem Sortiment – von Kinderbüchern über politische Essays bis zu Belletristik aus unabhängigen Verlagen. „Ich verkaufe, was ich selbst spannend finde“, sagt sie. 2018, 2021 und 2023 wurde sie mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet. Besonders beliebt: die „Kinderkoffer“ für Kitas und Schulen, prall gefüllt mit Büchern und Spielen, die Glusgold mit ihrem Lastenrad ausliefert. Reich werde man damit nicht, sagt die Geschäftsfrau, aber erfüllt.
Fährt man gleich um die Ecke den Engelbosteler Damm herunter, lässt auch das Antiquariat Internationalismus Buchladen von Arno Kundlatsch mit Raritäten und Literatur aus aller Welt das Herz von Schatzsuchern höherschlagen.
LESETIPPS
- N. Biedermann: „Lazar“
- M. Abdollahi: „Es ist unser Land. Wir dürfen Deutschland nicht den Rechten überlassen“
CRUSES – die älteste Buchhandlung Hannovers
Weiter geht es in die Südstadt. Cruses in der Hildesheimer Straße wurde im Jahr 1815 gegründet. „Hier ist schon Goethe ein- und ausgegangen“, erzählt Inhaber Peer-Philipp Krall. Im ursprünglichen Haus der Buchhandlung am Aegi wohnte die von Goethe verehrte Charlotte Kestner, die Goethe als „Werthers Lotte“ verherrlichte. „Mein Großvater kaufte die Buchhandlung 1939 und führte sie erst mal aus seiner 1-Zimmer-Wohnung in der List weiter. Da wurde ein Buch gegen Kaffee oder Kartoffeln getauscht.“ Ob Kinder und Jugendliche durch Social-Media-Portale heute weniger lesen? Nein, mit ihnen existiere für den Buchhändler eine sich gegenseitig bereichernde Koexistenz. „Über den Hashtag ,BookTok‘ der Plattform TikTok sind viele junge Menschen wieder zum Lesen gekommen – und die kaufen im Handel.“
Große Onlinehändler stellen für den Geschäftsmann keine wirkliche Konkurrenz dar: „Durch die Buchpreisbindung und den portofreien Versand lohnt sich deren Geschäft nicht.“ Kralls Botschaft ist klar: „Zwar haben wir auch einen Onlineshop, aber: Unseren Laden gibt es im Stadtbild nur so lange, wie die Menschen im Viertel bei uns kaufen.“
LESETIPP
- L. Graf: „Lindt & Sprüngli – Zwei Rivalen, ein Traum“, Bd. 1 und 2
Leuenhagen & Paris: Leselust auf der Lister Meile
Ebenfalls in dritter Generation führt Dirk Eberitzsch seine traditionsreiche Buchhandlung Leuenhagen & Paris. 1952 gegründet, hat er sein Geschäft zu einer Institution entwickelt: vier Etagen, 28 Mitarbeiter, ein eigener Verlag und rund 100 Veranstaltungen pro Jahr. Genscher, Kohl, Weizsäcker – alle waren hier, um ihre Bücher vorzustellen. „Mein größtes Highlight war 1974. Wir waren Weltmeister, und Franz Beckenbauer hat bei uns seine Biografie signiert.“ Es gebe viele ältere Menschen im Stadtteil, die dankbar für die Veranstaltungen seien, aber auch die junge Generation sei stark vertreten. „Wir hatten gerade die Autorin Lili Lucas in der Apostelkirche.“ Da seien um die 300 Jugendlichen zu der Lesung gekommen. „Die jungen Leser, 18 bis 25, bestimmen heute die Bestsellerlisten“, sagt Eberitzsch. „Einen großen Einbruch gab es mit dem Erscheinen von Streamingdiensten, aber BookTok, Instagram und Podcasts haben uns dann die jungen Zielgruppen gebracht. Auch das Bewusstsein, lokal zu kaufen, wächst.“ 2024 erhielt Leuenhagen & Paris den Deutschen Buchhandlungspreis – nicht zum ersten Mal.
LESETIPPS
- M. Suter: „Wut und Liebe“
- Wilhelm Hauschild Kalender 2026
Schon gewusst?
Das teuerste Buch der Welt, der „Codex Leicester“, entstand zwischen 1506 und 1510. Leonardo da Vinci hielt darin seine Beobachtungen zu Natur, Wasser, Astronomie und Technik fest. Bill Gates kaufte es 1994 für rund 30,8 Millionen Dollar.
75 Jahre Buchhandlung Becker
Nur wenige Meter weiter erzählt Ute Adam, Tochter der Gründerin Ingeborg Becker, die Geschichte ihrer außergewöhnlichen Buchhandlung. „Meine Mutter hat dieses Antiquariat 1945 eröffnet – als Alleinerziehende mit vier Kindern. Es war das erste wiederaufgebaute Haus in einer Trümmerlandschaft.“ Heute ist der Laden ein charmantes Sammelsurium aus Klassikern, Kunstbänden und Raritäten. „Ich liebe diesen Ort. Er ist ein Teil von mir“, so die Inhaberin. „Wir sind hier auch eine kleine Kultureinrichtung. Freitags haben wir zum Beispiel eine Weinrunde, in der wir uns austauschen.“
Im Hinterzimmer hängt „Die Berückende“ – eine von Ute Adam selbst gefertigte Figur aus alten Buchrücken. „Kafka, Hesse, Mann, Goethe: Davon habe ich hier genug“, sagt Ute Adam lachend. Sie hat aber auch viele Raritäten, die es nicht mehr zu kaufen gibt. „Hier entdeckt man Bücher, die es sonst nirgendwo mehr gibt.“ Erstausgaben zum Beispiel.
Comix in der City
Die erste Adresse für Comics, Mangas und Graphic Novels ist seit 22 Jahren COMIX an der Goseriede 10. Die Inhaberinnen Katinka Kornacker und Swantje Wieland machen mit der Spezialisierung und dem dazugehörigen Merchandise Sammlerherzen und Nerds glücklich. „Das bedeutet intensive Beratung und Recherche – bis hin zu besten Sammlerstücken.“ Auf der Frankfurter Buchmesse einst als bestsortierter Comicladen Deutschlands gekürt, sitzt Katinka Kornacker heute selbst in der Jury der in diesem Segment wichtigsten Auszeichnung, dem Max und Moritz-Preis. Kein Wunder, dass sich Häuser wie die Stadtbibliothek und das Wilhelm Busch Museum gerne von ihnen beraten lassen. „Momentan sind Sachbücher als Comics richtig angesagt“, sagt sie und gibt dazu gleich die passenden Tipps.
LESETIPPS
- U. Lust: „Die Frau als Mensch“ (Bestes Sachbuch 2025)
- J. Chad: „SuperBrain Comics – Abenteuer Vulkane“ (für Kinder)
- @kriegundfreitag: „Das Männchen ohne Eigenschaften“
Lindener Treffpunkt: Annabee Buchladen
Der Annabee Buchladen, nahe des Lindener Marktes ist seit 1976 eine Institution für feministische, politische und linke Literatur – und weit mehr als das. Hier kommt die Nachbarschaft ins Gespräch und sitzt zum Plaudern gerne auch auf der Holzbank vor dem Schaufenster. Der Laden wird kollektiv von sechs Frauen geführt – mit Herz, Haltung und einem Programm, das gesellschaftliche Themen sichtbar macht. Neben Büchern gibt es Lesungen und jede Menge Diskurs. 2017, 2019 und 2023 wurde Annabee mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet.
LESETIPPS
- C. Kraft, E. Wellershaus: „Politisch, Poetisch, Polemisch – Texte zur feministischen Gegenwart“
- M. Nielsen: „Das falsche Leben“
Beim Rundgang durch die inhabergeführten Buchhandlungen der Stadt wird deutlich: Es sind nicht die großen Ketten, sondern die Menschen, die mit Lust und Leidenschaft unsere Lesekultur tragen. Ein Buch lokal zu kaufen heißt, eine Geschichte am Leben zu erhalten – und ein Stück Hannover gleich mit.
Veranstaltungstipp
Am Sonntag, dem 28.12.2025:
Max Goldt liest aus seinem neuen Buch „Aber?“ – komisch, humoristisch, satirisch
Kulturzentrum Pavillon
Lister Meile 4_30161 Hannover
Beginn 20 Uhr_Eintritt 24 Euro_erm. 21 Euro