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Reportagen

Hannovers Helden

Angst vor der Ansteckung, finanzielle Sorgen und den Alltag mit Beruf und Kindern managen: Die Corona-Pandemie hat viele von uns auf eine harte Probe gestellt. Während das normale Leben zum großen Teil zum Stillstand gekommen war, mussten einige in systemrelevanten Berufen für die Gesellschaft den „Laden am Laufen halten“.

Bei seinen Einsätzen schützt sich Niklas Ens mit Mund-Nasen-Schutz und...

Mit einem breiten Lächeln steht er vor der Rettungswache der Johanniter-Unfall-Hilfe in Garbsen. Heute hat er frei. Lust, uns seinen Arbeitsplatz zu zeigen, hat Notfallsanitäter Niklas Ens aber trotzdem. Schließlich ist sein Beruf auch sein Hobby und seine Berufung. Als ausgebildeter Notfallsanitäter übernimmt er bei Einsätzen die Verantwortung, trifft Entscheidungen und leitet die Rettungssanitäter an. „Man reift durch die Arbeit sehr. Wenn ich daran denke, wie ich noch vor ein paar Jahren drauf war, als ich Abitur gemacht habe“, sagt der 23-Jährige demütig. Doch vor Verantwortung scheut er sich nicht, die Ausbildung dient als Praxiserfahrung und Einstieg in das Medizinstudium, das er zum Wintersemester startet – wenn alles klappt. „Natürlich trifft man auch falsche Entscheidungen, jeden Tag. Ich denke viel darüber nach und rede mit Kollegen darüber. Das Wichtige ist, daraus zu lernen“, ist Ens überzeugt. 

Eine schwere Metalltür führt in die Rettungswache. Es riecht nach den Reifen der vier Rettungswagen, Betonwänden und Desinfektionsmitteln. Sicherheitsstiefel warten in kleinen Regalen und Jacken an Haken mit Namensschildern auf den nächsten Einsatz. Durch ein großes Tor fahren die Rettungswagen zu ihren Patienten. Ein Team kommt gerade vom Einsatz zurück. „Verdacht auf Corona?“, fragt Ens seine Kollegen. Ja. Nun müssen sie den Rettungswagen sorgfältig desinfizieren und er darf in den nächsten zwei Stunden nicht genutzt werden. Genau deswegen sind wir hier: Um zu erfahren, wie sich die Arbeit in der Rettungswache seit dem Ausbruch der Pandemie verändert hat und wie die Sanitäter mit der Situation umgehen.
 

Interview

Wie viele Covid-19-Patienten hat das Team in Garbsen versorgt?

Das kann ich nicht genau sagen. Sobald jemand Husten oder Fieber hat, wird er als Verdacht auf Corona eingestuft und isoliert oder ins Krankenhaus gebracht. Wie viele Fälle sich davon bewahrheiten, erfahren wir oft nicht. Manchmal melden sich Ärzte und bestätigen den Verdacht, manchmal hören wir aber auch nichts mehr.

Wie haben sich die Einsatzzahlen und die Fälle in der Corona-Krise verändert? 

Während des Lockdowns gingen die Einsatzzahlen generell zurück. Anfangs gab es bei circa 80 Prozent unserer Einsätze einen Verdacht auf Corona, nun liegen sie bei rund zehn Prozent.

Wann ist Ihnen bewusst geworden, dass es ernst ist?

Ich war tatsächlich in Ischgl im Urlaub, aber noch kurz bevor man als Rückkehrer in Quarantäne musste. Danach habe ich es bei der Arbeit meinen Kollegen angemerkt. Und als ich dann selbst im Vollschutzanzug – der war zu Beginn der Pandemie noch Pflicht für uns – meinen ersten bestätigten Corona-Patienten behandelte, war das schon krass. Ich hatte gesunden Respekt vor dem Virus.

Hatten Sie zeitweise Angst, dass es so werden könnte wie in Italien?

Nein, dafür ist das Gesundheitssystem in Deutschland zu gut. Ich habe viel Kontakt mit Ärzten und einen guten Einblick. Wir können echt froh sein, dass wir hier sind.

Auch im Privaten gab es einige Einschränkungen. Finden Sie das richtig so und wie ist es Ihnen damit ergangen?

Ich finde die Maßnahmen absolut richtig. Allerdings sorgte es in meiner Familie für Diskussionen, weil sie mich trotzdem gern sehen wollten, aber ich hatte Angst jemanden anzustecken. Auf große Feiern verzichte ich komplett.

Wie haben Sie den Zusammenhalt mit den Kollegen erlebt?

 Es durfte niemand mehr in die Rettungswache, bis auf unser Team. Dadurch sind wir zusammengerückt und es ist schon eine andere Mentalität entstanden.

Das medizinische Personal wurde oft gelobt und als Helden dargestellt. Wie fühlen Sie sich dabei?

Mir haben auf einmal Freunde gesagt, wie sehr sie meine Arbeit schätzen. Ich kann mit Lob schwer umgehenund für mich ist die Arbeit normal.

Wer war Ihr persönlicher Held in der Krise?

Was mich gefreut hat: Dass der Brötchenwagen während des Lockdowns immer bei uns vorbeikam. So konnten wir uns mit einem leckeren Frühstück stärken.

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